Buchcover "Sehnsucht des Raumes"
Michael Pfeifer (Hg.)

Sehnsucht des Raumes

St. Peter und Paul in Dettingen und die Anfänge des modernen Kirchenbaus in Deutschland
Dominikus Böhm, Martin Weber, Reinhold Ewald

192 Seiten, 21 x 28 cm, 65 farbige und 154 s/w Abbildungen, Fadenbindung, fester Einband
EUR 39,90 · ISBN 3-7954-1180-7 · Verlag Schnell & Steiner Regensburg 1998

vergriffen

„O Zierde der Apostelschar“

 

Biographische und ikonographische Notizen zu den Dettinger Kirchenpatronen

 

von Michael Pfeifer

 

Petrus und Paulus als Kirchenpatrone in Dettingen

In der schweren Zeit der Weltwirtschaftskrise war es sicher nicht zufällig, daß gerade Petrus und Paulus als Patrone für die neue Dettinger Kirche erwählt wurden. Der Krieg hatte neue politische Ordnungen entstehen lassen, der Kaiser hatte abgedankt. Allenthalben suchte man vergeblich nach Halt und Orientierung. Vor diesen Vorgängen konnte die Kirche nicht die Augen verschließen. Sie wurde hineingezogen in den Strudel eines zu Ende gehenden Zeitalters. Petrus und Paulus stehen symbolisch für den festen Grund, den unverrückbaren Glauben an Christus Jesus als den Sohn Gottes, auf dem die Kirche sich ihrer selbst sicher sein kann. Als erwiesen kann gelten, daß Pfarrer Dümler selbst die Kirchenpatrone ausgewählt hat. Noch am 17. 4. 1923 fragt das Ordinariat an, welchen Titel man der neuen Kirche zu geben gedenke.

Eine Kirche nach Heiligen zu benennen, hat eine lange Tradition. Anfänglich erhielt sie den Namen des Heiligen, über dessen Grab sie errichtet wurde. Als die Heiligenverehrung zunahm und nicht nur Märtyrer verehrt wurden, benannte man Kirchen vermehrt nach Heiligen, auch wenn sich deren Grabstätten nicht in der Nähe befanden. Man stellte sie damit unter den besonderen Schutz dieses Heiligen, der von nun an die Rolle des Patrons übernehmen sollte.

Der Begriff ‚Patron‘ ist aus dem lateinischen ‚pater – Vater‘ gebildet und wurde in der Antike im Sinn von ‚Schutzherr, Beschützer, Vertreter, Verteidiger, Advokat‘ verwendet. Ambrosius von Mailand († 387) verwendet in einem seiner Briefe den Begriff patronus bereits in der heute geläufigen Bedeutung.¹

Daß die Rolle des Patrons als eines Schutzherrn keine reine Ableitung aus dem römischen Rechtswesen darstellt, zeigt ein Blick in die Bibel. Dem Volk Israel gilt beispielsweise der Erzengel Michael als Patron.² Da die Kirche sich als das auserwählte Volk des neuen Bundes versteht, übernimmt sie auch den Patron Israels, wie die Offenbarung des Johannes berichtet.³ Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, daß sich auch Deutschland unter das gleiche Patronat gestellt hat. Lebendig ist diese Vorstellung heute noch in der Figur des ‚Deutschen Michel‘, der als Personifikation des deutschen Volkes vor allem in Karikaturen eine Rolle spielt.

Seit dem Mittelalter war das Patrozinium einer Kirche wichtiger Termin im Jahreslauf der Ortschaft. Vor allem in bäuerlichen Gesellschaften behielt er seine Bedeutung als Los- und Zahltag bis in unser Jahrhundert hinein. Auffällig ist dabei die Zähigkeit, mit der am überlieferten Termin festgehalten wird, auch wenn es beispielsweise zu einem Patronatswechsel kam. Welche Bedeutung dem Patrozinium auch in Dettingen zugemessen wurde, zeigt die im 18. Jahrhundert teils heftig geführte Auseinandersetzung mit der Mutterpfarrei Kleinostheim über den Patroziniumstermin. Auch heute noch wird die Dettinger Kerb am Sonntag nach dem Fest des hl. Hippolyt gefeiert, des Patrons der alten Kirche. Das Pfarrfest hingegen folgt dem Termin nach dem Patrozinium (und Kirchweihfest) der Peter-und-Paul-Kirche und wird am ersten Julisonntag gefeiert.

Die Bedeutung des Patronatsfestes, die sich hier beispielhaft zeigt, läßt es angebracht erscheinen, sich mit den beiden Kirchenpatronen etwas näher zu beschäftigen.

 

Petrus

Petrus – sein eigentlicher Name war Simon – stammte aus Betsaida, einem Fischerdorf am See Genesaret. Sein Vater hieß Johannes bzw. auf Aramäisch Jona. Nach seiner Heirat zog er nach Kafarnaum, ins Elternhaus seiner Frau. Von Beruf war Simon Fischer, und als Jesus ihm zum ersten Mal begegnete, warf er gerade zusammen mit seinem Bruder Andreas die Netze aus. Auf den Beruf der Brüder spielt Jesus an, wenn er sie mit den Worten „… ich will euch zu Menschenfischern machen“ in seine Nachfolge ruft. Ob Petrus auf den Ruf Jesu hin seine Netze zurückließ und ihm nachfolgte, wie Markus und Matthäus berichten, oder weil ihn der Erfolg beim abermaligen Auswerfen der Netze auf Jesu Wort hin überzeugte, wie Lukas erzählt, muß offen bleiben.¹⁰ Folgt man dem Johannesevangelium, führte Andreas seinen Bruder Simon zu Jesus. Dieser blickte ihn an, nannte ihn bei seinem Namen Simon und gab ihm einen neuen Namen: Kefa, der Fels, was auch als Kephas, Petros oder Petrus begegnet.¹¹

Zwar redet nach allen vier Evangelien Jesus seinen Apostel immer nur mit seinem wirklichen Namen Simon an, dennoch hat sich schließlich der Name Petrus durchgesetzt. Schon die Evangelisten stimmen darin überein, daß der Beiname Kefa auf Jesus selbst zurückgeht. Markus und Lukas machen dazu nur jeweils eine kurze Bemerkung im Rahmen ihrer Apostellisten,¹² während Johannes die Namensgebung bereits im Rahmen der Berufung ansiedelt.¹³ Möglicherweise war die Namensgebung auch mit einem Deutewort verbunden; so berichtet es Matthäus, der den Vorgang in die bekannte Geschichte des Messiasbekenntnisses integriert.¹⁴ Bei all dem ist sicher, daß Jesus die Neubenennung des Simon einmal erklärt haben muß, ist doch Kefa im Hebräischen eine Sachbezeichnung, die nicht ohne weiteres als Name verwendet werden kann.

In der Folgezeit wurde Petrus zum Sprecher der Apostel. Als solcher bekannte er Jesus als Messias,¹⁵ und erhielt die Verheißung, auf ihn werde die Kirche gegründet.¹⁶ Er war es aber auch, der Jesus unmittelbar danach widersprach, als dieser sein Leiden ankündigte; hierfür mußte er eine scharfe Rüge einstecken: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!“¹⁷ Petrus redete, als keiner der drei Jünger auf dem Berg der Verklärung etwas zu sagen gewußt hat.¹⁸ Er sprach aus, was vielleicht alle anderen im Abendmahlssaal gedacht haben: „Du Herr willst mir die Füße waschen?“¹⁹ Er wollte wissen, wer der Verräter aus ihrem Kreis sei,²⁰ hätte er ihn gekannt, so schreiben die Kirchenväter, hätte er ihn augenblicklich getötet.²¹

Petrus war überzeugt von Jesus: Er wagte den Gang über Wasser²² und verteidigte Jesus bei seiner Verhaftung mit dem Schwert.²³ Gleichwohl versank er in den Fluten des Sees²⁴ und verleugnete Jesus im Hof des Hohenpriester²⁵. Ein Fels an Charakterstärke war Petrus jedenfalls nicht. Jesus kannte seinen Simon. Wenn er ihm auch große Verantwortung übertrug, betete er gleichzeitig dafür, daß sein Glaube nicht schwach werde.²⁶

Petrus durfte – wie Augustinus († 430) schreibt – bei vielen Gelegenheiten die Kirche vertreten. Darum werden ihm die Schlüssel der Binde- und Lösegewalt verliehen²⁷ und – unter Rückgriff auf ein schon alttestamentliches Bild – die Hirtenvollmacht übertragen.²⁸ Ihm wird übergeben, was allen gemeinsam anvertraut wurde.²⁹

Nicht nur zu Jesu Lebzeiten war Petrus die Zentralfigur der Apostel. Auch nachösterlich spielte er im Kreis der Zwölf eine wichtige Rolle. So war er der erste Auferstehungszeuge aus diesem Kreis, wie Paulus im 1. Korintherbrief mit den Worten einer noch älteren Formel bezeugt.³⁰ Er ist nach Pfingsten der wortgewandte Redner der Apostelgeschichte.³¹ Zwar wurde Jakobus, der Herrenbruder, wie er genannt wird, und nicht Petrus Leiter der Jerusalemer Gemeinde.³² Doch als im Jahre 37 Paulus die Stadt besuchte, tat er dies erklärtermaßen, um Kephas kennenzulernen.³³ Jakobus, Kephas und Johannes galten als die „Säulen der Gemeinde“³⁴, als Paulus vierzehn Jahre später wieder in Jerusalem weilte, um die Frage der Heidenmission zu klären.³⁵

Es ist nicht möglich, für Petrus ähnlich detailliert Reiserouten anzugeben, wie für Paulus. Die Apostelgeschichte weiß Petrus in Lydda und Joppe, in Cäserea und Samaria.³⁶ Doch mit der Verfolgung unter Herodes Agrippa um 44, mit der sich die Christengemeinde Jerusalems weitgehend zerstreute,³⁷ begann sicher auch für Petrus ein bewegterer Abschnitt in seinem Leben, der ihn über Palästina hinausführte.

Seine Missionsreisen, auf denen ihn seine Frau begleitete,³⁸ führten ihn nach Antiochia und Kleinasien. Er war beim Apostelkonvent um 48/49 in Jerusalem anzutreffen und gelangte schließlich nach Rom. Ob Petrus auch in Korinth war, ist aus der Bemerkung im 1. Korintherbrief, es habe dort neben anderen christlichen Gruppen auch eine Kephaspartei gegebe³⁹, nicht eindeutig zu schließen. Doch veranschaulicht dies immerhin die Bedeutung, die Petrus für die gesamte Urkirche hatte.

Die sichere Tradition, daß sich Petrus in Rom aufgehalten habe, schlägt sich bereits im Schluß des 1. Petrusbriefes nieder.⁴⁰ Ende der fünfziger Jahre – zur Zeit der Abfassung des Römerbriefes – scheint Petrus allerdings noch nicht in Rom gewesen zu sein. Paulus hätte in seinem ausführlichen Postskript sicher auch Grüße an ihn bestellen lassen. Doch auch die Zeugnisse der apostolischen Väter, wie der um 96 entstandene 1. Clemensbrief, weisen auf den Romaufenthalt des Petrus hin.⁴¹ Seit der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts vermischt sich die Kunde auch mit apokryphen und legendarischen Berichten⁴²

Die Legendensammlungen des späten Mittelalters kennen noch andere Quellen zum Leben des Petrus. Dort ist neben vielen Wundererzählungen auch die bekannte Szene der Begegnung mit Jesus vor den Toren Roms aufgezeichnet: Während der neronischen Christenverfolgung bat die Gemeinde Petrus, die Stadt zu seiner eigenen Sicherheit zu verlassen. Nach anfänglicher Weigerung ließ er sich schließlich überreden und floh aus Rom. Am Stadttor, an dem die Via Appia begann, sah er Christus auf sich zukommen und fragte ihn: „Quo vadis Domine – Wohin gehst Du, Herr?“ Er antwortete: „Nach Rom, um ein zweites Mal gekreuzigt zu werden.“ Da erkannte Petrus, daß er sein Bekenntnis zu Christus nun vollenden sollte, und kehrte um. Er ließ sich ergreifen und wurde zum Tode verurteilt. Vor seiner Kreuzigung erbat er, mit den Füßen nach oben ans Kreuz geheftet zu werden, denn „Christus, der vom Himmel zur Erde kam, wurde aufrecht am Kreuz erhöht, ich aber werde von der Erde zum Himmel kommen und bin unwürdig, am Kreuz zu sterben wie mein Herr“.⁴³ Einen Hinweis auf diese Todesart sieht die Bibelwissenschaft im Johannesevangelium. Dort prophezeit Jesus dem Petrus „du wirst deine Hände ausstrecken, und man wird dich führen, wohin du nicht willst“.⁴⁴ Das Ausstrecken der Hände, das Binden und Fortführen beschreiben die Vorbereitung zur Kreuzigung. Den Verurteilten wurde der Querbalken an die ausgestreckten Arme gebunden, bevor sie zur Hinrichtung getrieben wurden.⁴⁵

Neuere Untersuchungen haben ergeben, daß das Martyrium des Petrus nicht in die Zeit der neronischen Christenverfolgung fällt. Bereits die ältesten Petruslegenden bringen dessen Tod nicht mit Nero, sondern mit dem Präfekten Agrippa in Verbindung. Auch so frühe Schriftsteller wie Hieronymus und Eusebius setzen die Todesdaten von Petrus und Paulus von der Verfolgung des Jahres 64 ab. Interessant ist dabei, daß, wenn vom Martyrium der beiden Apostel gesprochen wird, Paulus immer zuerst genannt wird. Man schließt daraus, daß Petrus erst nach Paulus, vermutlich im Jahr 67, in Rom gestorben ist.

 

Paulus

Sucht man Informationen zur Biographie des Völkerapostels, ist man zunächst auf die Apostelgeschichte des Lukas verwiesen. Weit anschaulicher wird diese zentrale Persönlichkeit des Urchristentums jedoch durch seine Briefe an die von ihm besuchten Gemeinden.

Paulus wurde etwa 10 n. Chr. in Tarsus in Kilikien (der heutigen südtürkischen Küste) geboren.⁴⁶ Seine Familie stammte vermutlich aus Giskala in Galiläa,⁴⁷ jedenfalls gehörte sie zum Stamm Benjamin.⁴⁸ In seinem pharisäisch geprägten Vaterhaus wurde zwar aramäisch gesprochen,⁴⁹ doch war die Verkehrssprache in Kleinasien das Koine-Griechisch, für das Paulus eine erstaunliche Stilsicherheit mitbringt, wie seine späteren Briefe belegen. Auch die Bibel wurde im Haus der Familie wohl nicht auf Hebräisch, sondern in ihrer griechischen Übersetzung gelesen. Da der Vater römisches Bürgerrecht besaß, das sich auch auf den Sohn vererbte, trug dieser zum aramäischen Namen Saul auch den lateinischen Namen Paulus. Paulus war Zeltmacher und gehörte damit eher zur oberen Schicht seiner Heimatstadt. Er verweist später ausdrücklich darauf, daß er sich durch sein Handwerk seinen Lebensunterhalt verdienen kann.⁵⁰ Bereits in Tarsus kam er in Kontakt mit griechischer Bildung. Allerdings beschäftigte er sich nicht mit klassischer Philosophie und Dichtung. Was er in diesen Gebieten kennt, gehörte mehr oder weniger zur Allgemeinbildung. Den Stadtmenschen spürt man noch in den Vergleichen aus den Bereichen des Rechtswesens und des Sports, die er in seinen Briefen heranzieht.⁵¹

Im Alter von 18–20 Jahren – sicher aber erst nach Jesu Tod – kam Paulus zum Studium nach Jerusalem. Höchstwahrscheinlich war einer der berühmtesten Pharisäer der damaligen Zeit, Gamaliel, sein Lehrer. Er wurde dort in palästinensisch-rabbinischer Exegese unterrichtet. Doch ist Paulus auch die hellenistisch-jüdische Typologie vertraut.⁵² Auch Elemente jüdischer Apokalyptik finden ihren Niederschlag in seinen Briefen. Zweifellos war Paulus gebildeter als alle Apostel, die zum vorösterlichen Jüngerkreis Jesu gehörten.

Der Eifer für die Religion des Vaters und ein scharfer Blick für die Gefahr, die ihr durch die Christen drohte, ließ ihn mit Empfehlungsschreiben nach Damaskus aufbrechen, um die dortige Christengemeinde zu bekämpfen. In der sensiblen politischen Lage, die das von den Römern besetzte Jerusalem bot, wäre ein ähnliches Vorhaben dort sicher weit gefährlicher gewesen.

Auf dem Weg nach Damaskus traf ihn die Erkenntnis Christi mit aller Macht. Er sieht sich mit der Frage konfrontiert „Warum verfolgst du mich?“ Die Antwort, die Paulus, vorübergehend erblindet, gab, war seine Bekehrung. In Damaskus angekommen, wurde der gewendete Verfolger zunächst argwöhnisch aufgenommen, dann aber doch von Annanias getauft. Seine Bekehung war so radikal, daß er von dem, was bisher sein Ideal darstellte, jetzt wie von „Dreck“ sprechen kann.⁵³ Nun reiste Paulus nicht – wie es vielleicht zu erwarten wäre – nach Jerusalem zurück, um sich dem Kreis der Apostel anzuschließen, sondern er begab sich zunächst in die Provinz Arabia, das heißt in das Land der Nabatäer südlich von Damaskus, wo er wohl auch schon missionierte.⁵⁴ Nach Damaskus zurückgekehrt, wurde er vom aufgebrachten jüdischen Mob von dort vertrieben.⁵⁵ Als er zu einem zweiwöchigen Besuch in Jerusalem eintraf, waren seit seinem Berufungserlebnis drei Jahre vergangen. Paulus betont, daß er nach Jerusalem kam, um Kephas kennenzulernen, und nicht, sich für die Mission instruieren zu lassen.⁵⁶ Die Vision vor den Toren von Damaskus muß eine solche Offenbarungsqualität gehabt haben, daß er das Evangelium predigen konnte, ohne die Zeugnisse der Apostel jemals gehört zu haben.

Nach dem Besuch in Jerusalem geht er zurück nach Syrien und seine Heimat Kilikien.⁵⁷ Auch später kommt er nur noch zweimal nach Jerusalem und auch dann nur, um mit den Aposteln die Frage der Heidenmission zu klären und die vereinbarte Kollekte als Zeichen der weltumspannenden Solidarität der Kirche zu überbringen.

Barnabas holte Paulus im Jahre 44 ins syrische Antiochia.⁵⁸ Die dortige Gemeinde sandte die beiden zur Mission in nichtjüdische Gebiete aus. Sie gelangten nach Zypern und Galatien bis Derbe.⁵⁹ Beide vertraten die antiochenische Gemeinde im Jahre 49/50 auch in Jerusalem beim sogenannten Apostelkonvent.⁶⁰

In den Jahren 50–53 begab sich Paulus auf seine zweite Reise. Er besuchte zunächst von ihm gegründete Gemeinden, zieht dann aber weiter nach Makedonien. In Philippi, wo Paulus die Purpurhändlerin Lydia taufte, entstand die erste christliche Gemeinde in Europa. In der Hafenstadt Thessaloniki predigte Paulus ebenso wie in Beroia. Schließlich gelangte er über Athen, wo er erfolglos auf dem Areopag predigte, bis Korinth. Dort blieb er anderthalb Jahre⁶¹ und schrieb die beiden Briefe an die Christen in Thessaloniki.

Seine dritte Reise führte Paulus nach Ephesus, wo er 2½ Jahre erfolgreich wirkt.⁶² Hier entstanden einige Briefe an die Gemeinde von Korinth – mehr als die beiden, die uns heute noch bekannt sind. Auch an die Gemeinde Philippi und die Christen in Galatien wandte sich Paulus während seiner Zeit in Ephesus.

Die Christengemeinden dieser Zeit darf man sich nicht groß vorstellen. Paulus ging bei seiner Missionstätigkeit immer von der jüdischen Synagoge aus und sammelte Juden oder Gottesfürchtige um sich, meist Menschen unterer Schichten, Freigelassene und sogar Sklaven. Er besuchte dabei nur Orte, in denen die Menschen Christus noch nicht kennen. Erklärtermaßen will er nicht auf dem Fundament, das ein anderer gelegt hat, weiterbauen.⁶³ Vielleicht konnte er gerade deshalb andere Missionare ohne Neid akzeptieren.⁶⁴ Dabei besucht er nur große Städte und rechnete mit einer selbständigen Ausbreitung des Evangeliums ins Hinterland, was sich zumindest zu seinen Lebzeiten und lange darüber hinaus jedoch als vergebliche Hoffnung erwies. Erst als das Christentum im 4. Jahrhundert Staatsreligion wurde, entstanden auch in ländlichen Gebieten Gemeinden. Doch Paulus arbeitete unter Zeitdruck. Er rechnete mit der baldigen Wiederkunft Christi und versuchte bis dahin die „ganze Welt“ zu erreichen. Dennoch vergaß er bei seiner Mission nicht, sich auch um einzelne zu kümmern.⁶⁵ Berührendes Zeugnis hierfür ist der Philemonbrief, in dem er sich behutsam und diplomatisch, aber doch nachdrücklich für einen entlaufenen Sklaven einsetzt.

Im Frühjahr 58 brachte Paulus die Kollekte nach Jerusalem, die auf dem Apostelkonvent als Zeichen der Verbundenheit und Zusammengehörigkeit aller Christengemeinden beschlossen worden war. Er plante, nach Spanien zu reisen.⁶⁶ Doch in Jerusalem wurde er verhaftet und von Cäserea aus nach Rom transportiert. Nach gefahrvoller Reise – er erlitt Schiffbruch bei Malta – erreichte er erst im Frühjahr 61 Rom, wo er zwei Jahre in Hausarrest verbrachte.⁶⁷ In dieser Zeit entstanden die Briefe an die Kolosser und Epheser sowie der Philemonbrief.

Wenn Paulus bereits als Gefangener nach Rom gebracht wurde, ist er dort in einem regelrechten Prozeß verurteilt worden und nicht den neronischen Christenverfolgungen zum Opfer gefallen. Seine Hinrichtung – als römischer Bürger ist Paulus vermutlich enthauptet worden – könnte Ende 63, Anfang 64 stattgefunden haben.⁶⁸

Paulus war ein leidenschaftlicher Mann. Er konnte heftig polemisieren und unerbittlich sein gegen Fehler. Doch zeigt sich bei ihm immer wieder auch die Rücksicht gegenüber den Schwachen. Sein großes Selbstbewußtsein gründet in seinem Sendungsbewußtsein.⁶⁹ Er ist durchaus nicht gefallsüchtig, sondern vertritt die klare Linie des Evangeliums, das sich ihm vor Damaskus offenbarte.⁷⁰ In all den erfüllten Jahren hatte Paulus stets mit einer Krankheit zu kämpfen, die er als „Stachel im Fleisch“ bezeichnet und unter der er sehr litt. Es ist allerdings nicht zu ergründen, um welches Leiden es sich handelte.

Paulus war sicher die bedeutendste Persönlichkeit der apostolischen Zeit. Sein Lebenswerk hat die Kirche davor bewahrt, als jüdische Sekte in Vergessenheit zu geraten.

 

Kontrahenten und Partner

Durch lange Jahrhunderte kirchlicher Tradition sind wir es gewohnt, Petrus und Paulus als Paar zu verstehen. Dennoch sind sich die historischen Apostel nur dreimal und jedesmal nur für recht kurze Zeit begegnet. Es wird darüber hinaus bereits in den Schriften des Neuen Testaments deutlich, daß sie nicht unbedingt „ein Herz und eine Seele“ waren. Ja, es kam sogar zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen beiden im syrischen Antiochien.

Paulus nennt Petrus in seinen Briefen fast immer Kephas. Schon im Urchristentum hatte sich aber die griechische Form Petros durchgesetzt. Paulus erreicht damit sowohl bei seinen Adressaten damals wie heute einen Verfremdungseffekt. Wenn er Kephas statt Petros benutzt, signalisiert er eine Distanz zum Mitapostel. Dies wird offenkundig, wenn es ihm in besonderen Argumentationszusammenhängen auf seine Verbundenheit und Einheit mit Petrus ankommt: Paulus wählt dann bewußt die griechische Namensform.

Die Unterschiede des von Paulus und von den übrigen Aposteln verkündeten Evangeliums treten auf dem Jerusalemer Apostelkonvent zutage. Zwar wird die paulinische Verkündigung eines gesetzesfreien „Evangeliums für die Heiden“ anerkannt, doch bleibt für Judenchristen das mosaische Gesetz in Kraft. Solange es nur rein judenchristliche oder rein heidenchristliche Gemeinden gab, stellte dies kein Problem dar. Spannungen waren allerdings unvermeidlich, als Jerusalemer Judenchristen die heidenchristliche Gemeinde im syrischen Antiochien aufsuchten. Petrus, der zuvor in Antiochien Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen gepflegt hatte, was ihm als Juden natürlich verboten war, zieht sich nun davon zurück, um keinen Anstoß bei der judenchristlichen Gruppe zu erregen. Paulus stellt ihn daraufhin zur Rede und wirft ihm sein schwankendes Verhalten vor. Mit seinem „Rückfall ins Gesetz“ suggeriere er der antiochenischen Heidenchristengemeinde, daß Christentum nur in Bindung an das jüdische Gesetz möglich sei und nötige sie somit in letzter Konsequenz zur Übernahme der Beschneidung. Offenbar konnte sich Paulus mit seinen Argumenten im antiochenischen Konflikt aber nicht durchsetzen – sogar sein Begleiter Barnabas wechselt ins andere Lager –, und er verließ die Gemeinde endgültig.

Petrus ist sicher kein radikaler Vertreter einer judenchristlichen Linie. Seine Absicht ist es, die Einheit mit Jerusalem zu wahren. Er hat sozusagen eine gesamtkirchliche Perspektive. Letztlich müssen die Heidenchristen auf bestimmte Kennzeichen jüdischer Identität verpflichtet werden, damit die Einheit gewahrt werden kann. Möglicherweise finden sich die antiochenischen Abmachungen in den sogenannten ‚Jakobusklauseln‘ wieder, wie sie die Apostelgeschichte überliefert. Der Konflikt kann als Zeugnis dafür gelten, daß die getrennten Missionen der Anfangszeit, mit denen auch eine inhaltliche Differenzierung einherging, mehr und mehr zusammenwachsen. Von den plakativen Positionen – Paulus will zu einem gesetzesfreien Evangelium hinführen, Petrus ein gesetzliches Christentum etablieren – gehen mit Rücksicht auf die Einheit immer mehr paulinische Elemente verloren.

 

Martyrium und Verehrung

Petrus und Paulus sind in Rom als Märtyrer gestorben. Allerdings sind sie vermutlich nicht Opfer der Christenverfolgung unter Nero, denn schon so frühe Schriftsteller wie Hieronymus und Eusebius setzen ihr Todesdatum von der Verfolgungswelle ab. Paulus ist in Jerusalem verhaftet und in Rom in einem regulären Prozeß zum Tode verurteilt worden. Dies geschah vermutlich bereits Anfang der sechziger Jahre, noch vor 64 n. Chr. Auch das Martyrium des Petrus fällt vermutlich nicht in die Verfolgung des Jahres 64, sondern wird heute meist mit 67/68 n. Chr. angegeben.

Die Hinrichtungsstätten der Apostelfürsten sind zwar nicht bekannt, doch weiß die Tradition von ihren Gräbern am Vatikan und der Straße nach Ostia. Diese beiden auseinanderliegenden Orte belegen, daß Petrus und Paulus nicht gemeinsam starben – sie wären sonst wahrscheinlich auch gemeinsam bestattet worden. Des weiteren muß man davon ausgehen, daß auch ihre Verehrung unabhängig voneinander entstand, gehen doch die Heiligenkulte in der Regel von ihren Gräbern aus.

In konstantinischer Zeit entstanden die großen Basiliken über den Apostelgräbern. Während das Grab Petri durch die Ausgrabungen unter der heutigen Peterskirche als recht wahrscheinlich angesehen werden muß, stehen vergleichbare archäologische Untersuchungen in St. Paul vor den Mauern noch aus. Die Häupter der Apostelfürsten befinden sich wohl seit dem 9. Jahrhundert im Lateran und werden seit dem 16. April 1370 im Ciborium über dem Hauptaltar der dortigen Basilika aufbewahrt. Außerhalb Roms gab es kaum Körperreliquien der beiden römischen Heiligen. Einzig aus der Hagia Sophia zu Konstantinopel, dem neuen Rom, gibt es Berichte über die Verehrung von Petrus- und Paulus-Reliquien.

Über die eigentlichen Reliquien hinaus existieren etliche Gegenstände, die mit Petrus in Verbindung gebracht werden. Zunächst ist dies die Kathedra Petri, die heute den zentralen Platz im glanzvollen Altarretabel der Peterskirche hat. Teile des Bischofstabes des Apostels befinden sich nach wechselvoller Geschichte heute in Köln und Limburg. Viele Schlüssel werden mit Petrus in Verbindung gebracht und veranschaulichen seine Binde- und Lösegewalt. Eine Kette, mit der Petrus gefesselt gewesen sein soll, ist seit 432 nachweisbar. Sie befand sich in der Kirche, die seit dem 4. Jahrhundert an der Stelle der heutigen Kirche S. Pietro in vincoli stand.

 

Festtage und Festliturgien

Eine Eintragung in einem römischen Kalendarium aus dem Jahr 354 wird man so verstehen dürfen, daß seit dem 29. Juni 258 bei den Katakomben an der Via Appia Petrus und Paulus gemeinsam verehrt wurden. Auf dieses gemeinsame Gedächtnis der Stadtpatrone deutet eine Vielzahl von Graffiti in der Krypta der heutigen Kirche San Sebastiano hin. Dort gedachte eine Gruppe der römischen Gemeinde unabhängig von ihren Gräbern der Apostelfürsten, hatte doch in dieser Zeit Reliquienverehrung noch nicht die Bedeutung, die sie etwa ein Jahrhundert später bekommen sollte.

Auf ein solches Totengedächtnis geht auch das Fest Kathedra Petri zurück. Nach römischer Sitte feierte die Familie am 22. Februar ein Mahl an den Gräbern, wobei ein Platz für den Verstorbenen freiblieb. Dieser Sessel, die sogenannte ‚Kathedra‘ gab der ganzen Gedächtnisfeier den Namen, die auch Eingang in die frühen Kalender der stadtrömischen Kirche. Für die Christen hatte ‚Kathedra‘ damals aber sicher schon die Bedeutung ‚Bischofstuhl‘. Man gedachte am Zeitpunkt des heidnischen Totenmahls also der Übernahme des Bischofsamtes durch Petrus.

Während in der römischen Kirche San Sebastiano Petrus und Paulus gemeinsame Verehrung erfuhren, feierte man an ihren Gräbern natürlich zunächst nur den dort bestatteten Märtyrer. Um des jeweils anderen Apostels ebenfalls zu gedenken, entwickelten sich sogenannte Mitfeste. In St. Peter wurde am 30. Juni des Apostels Paulus gedacht und in St. Paul an diesem Tag umgekehrt Petrus memoriert. Da sich die Bräuche der Peterskirche in der Christenheit durchsetzten, war das Apostelfest am 29. Juni bis zur jüngsten Liturgiereform in seinen Texten stark auf Petrus zugeschnitten, während am 30. Juni ein Mitfest des hl. Paulus im Kalender stand. Die alten Lesungen für den 29. Juni blieben zwar erhalten, wurden aber durch Abschnitte aus Paulusbriefen ergänzt. Die übrigen Meßtexte sind zumeist Neuschöpfungen bzw. stammen aus anderen Zusammenhängen und bringen nun deutlicher beide Apostel zur Sprache. Für die Liturgie ist der Prozeß der Zusammenlegung der Apostelgedächtnisse somit erst in jüngster Zeit zu einem Abschluß gekommen.

Ein eigenes Paulusgedächtnis hat nun, nach einem gemeinsamen Petrus-und-Paulus-Fest am 29. Juni, eigentlich seinen Sinn verloren und wurde konsequenterweise durch das neue Gedächtnis der ersten Märtyrer der Stadt Rom ersetzt. Dagegen hat das Fest Pauli Bekehrung am 25. Januar einen höheren Stellenwert bekommen. Andere Feste wie Petri Stuhl- und Kettenfeier sind dagegen heute im Kalender nicht mehr berücksichtigt.

Die römische Liturgie orientiert sich in ihren Dichtungen meist stark an biblischen Texten, die in neuer Weise zusammengestellt, teils wörtlich zitiert, teils auch nur parapharsiert werden und damit neue Deutungshorizonte erschließen. In einem Responsorium eines alten Breviers heißt es beispielsweise: „Simon Petrus, ehe ich dich vom Schiff berief, kannte ich dich⁷¹ und setzte dich als Fürsten über mein Volk⁷² und ich gab dir die Schlüssel des Himmelreichs. Was du auf Erden bindest, soll auch im Himmel gebunden sein, was du auf Erden löst, soll auch im Himmel gelöst sein⁷³.“ Ein anderes Responsorium lautet: „Steh auf, Petrus, zieh deine Kleider an⁷⁴ und empfange die Kraft, die Völker zu retten⁷⁵, denn die Ketten sind dir von den Händen gefallen⁷⁶. Der Engel des Herrn trat auf und Licht erstrahlte in der Kerkerzelle. Er stieß den Petrus in die Seite, weckte ihn und sprach: Steh schnell auf⁷⁷.“ Freie Poesie begegnet in der lateinischen Kirche meist nur in den Hymnen des Stundengebets. Spätestens im 10. Jahrhundert ist der Hymnus zum Fest Peter und Paul nachweisbar, der Rom glücklich preist und die Apostel „Väter Roms“, „Leuchten des Weltalls“, „Richter der Völker“ und „Fürsten“ nennt. Die reichere Hymnik der Ostkirchen bezeichnet sie darüber hinaus als „Hände des Evangeliums“ und „Füße der Wahrheit“, als „leuchtende Zierde Roms“ und „großen Leuchten der Kirche“, als „Lehrer des Erdkreises“ und in Rückgriff auf die mosaischen Gesetzestafeln als die „von Gott beschriebenen Tafeln des Neuen Bundes“. Das beliebte Lied, das auch in Dettingen gerne zum Fest gesungen wird, beginnt mit den Versen „O Zierde der Apostelschar, du gottgeweihtes Heldenpaar“ und geht auf eine Dichtung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zurück.

 

Wie werden Petrus und Paulus dargestellt ?

Abbildungen des Petrus finden sich früher als solche des Paulus, und sie bleiben auch zahlreicher. Die erste erhaltene Darstellung aus den Jahren 232/233 begegnet in den Wandgemälden der Kirche in Dura Europos am Euphrat. Dort ist Petrus nur aus dem Zusammenhang der Szene erkenntlich. Bereits Anfang des 4. Jahrhunderts kommen die ersten Doppelbildnisse der Apostel Petrus und Paulus auf, wie Eusebius weiß. Aus der Notwendigkeit heraus, beide zu unterscheiden, entwickelte sich ein Typus für beide, der sich seinerseits auf antike Philosophendarstellungen zurückführen läßt.⁷⁸ Petrus ist von nun an durch einen breiten, runden Schädel gekennzeichnet, trägt graues, krauses Haar und einen kurzen, vollen, oft kastenförmigen Bart. Seit dem 4. Jahrhundert ist die Entwicklung des Portraittypus im Prinzip abgeschlossen und bliebt – verglichen mit ähnlichen Entwicklungen bei den anderen Aposteln – am genauesten festgelegt. Westlicher Sitte zufolge wird er allerdings auch mit tonsurartigem Haarkranz abgebildet. Im späten Mittelalter kommt oft noch eine Stirnlocke hinzu. Als Attribute werden dem Petrus in erster Linie die beiden Schlüssel als Zeichen der Binde- und Lösegewalt beigegeben. Dazu kommt das Insignium der Apostel, die Schriftrolle oder späterhin das Buch. Die biblischen Berichte gaben Anlaß für zahlreiche szenische Petrus-Darstellungen.

Auch für Paulus bildet sich sehr früh ein fester Typus der Darstellung heraus. Um 400 sind die traditionellen Züge ausgeprägt, die Paulus klein, mit Glatze und langem Bart, stark hervortretender Stirn und gebogener Nase zeigen. Spätere Darstellungen, die ihn hochgewachsen und kräftig abbilden, entsprechen eher dem in der Apostelgeschichte vermittelten Eindruck. Charakteristisch bleibt der oft zweigeteilte lange Bart, der sein Vorbild in antiken Philosophendarstellungen hat. So tradiert ihn noch das Malerhandbuch vom Athos und das Handbuch der Ikonenmalerfamilie Stroganov. Keine nennenswerten Alternativen haben sich bei den Attributen herausgebildet. Paulus trägt das Schwert zusätzlich zum Buch oder der Schriftrolle. Manchmal wird Paulus auch als Evangelistentypus gezeigt. Er sitzt am Pult und schreibt an seinen Briefen. Unter den zahlreichen szenischen Darstellungen, die auf der Apostelgeschichte basieren, verdient vor allem die Bekehrung vor Damaskus Erwähnung. Es begegnen oft Darstellungen, die die aufeinander folgenden Ereignisse in einem Bild festhalten. In Dettingen ist das im Kirchenraum nicht sichtbare Fresko Pauli Bekehrung auf der linken Chorempore der einzige Bezug, den die Malerei zu den Kirchenpatronen herstellt. Örtlicher Überlieferung zufolge stammt das Bild von Reinhold Ewalds damaliger Schülerin und späteren Frau Clara Weinhold.

 

Petrus und Paulus in Dettingen

Die monumentalen Apostelfiguren, die den Eingang zum Vorplatz der Kirche in Dettingen flankieren und damit gewissermaßen ein Atrium vor dem Kirchenportal markieren, lehnen sich eng an die beschriebene frühchristliche Typologie an. Auch die Aufstellung, Petrus links, Paulus rechts vom Eingang, entspricht der überlieferten Ikonographie. Beide Apostel tragen in ihrer Linken das aufgeschlagene Buch. Darin ist das Evangelium zu sehen, das Christus seinen Aposteln als das neue Gesetz anvertraut hat. Gleichzeitig ist die in der altchristlichen Ikonographie häufig anzutreffende Übergabe des Gesetzes durch Christus auch als eine Übertragung von Hirtengewalt zu verstehen. Als persönliches Attribut trägt Petrus, der sein Gesicht dem Eintretenden zuwendet, die zwei Schlüssel. Paulus hält das Schwert in der Rechten.

Die Plastiken wurden von Paul Seiler aus Frankfurt entworfen. Im November 1922 stellte sie Steinmetz Karl Weidner aus Dietesheim in Rechnung. Der Künstler erhielt den Auftrag nach der Präsentation von etwa einem Meter großen Prototypen aus Gips, die sich heute im Heimatmuseum befinden.

Paulus, dessen Verkündigung vom Kreuz Christi ausgeht, steht in enger Beziehung zum Innenraum der Dettinger Kirche, seinem Kreuzweg und dem Altarbild, das wie eine Vergegenwärtigung paulinischer Theologie angesehen werden kann. Zu Petrus hingegen vermag man eine Beziehung zum äußeren Erscheinungsbild herzustellen, wenn man den massigen und gedrungenen Baukörper und die die Materialität des Steins nicht vertuschenden Mauern als Hinweis auf Petrus, den Fels versteht. Die Apostel sind das Fundament, auf dem die Christen heute ein Haus aus lebendigen Steinen aufbauen. Der Schlußstein ist Christus Jesus selbst.⁷⁹

 

 

Anmerkungen:

¹ Ep. 22,11.
² Dan 10,13.
³ Offb 12,7–12.
Vgl. Edwin Hussi, Zur Geschichte der katholischen Pfarrei Dettingen, in: 1000 Jahre Dettingen am Main 975–1975, Dettingen 1975, 172–183: 173f.
Joh 1,44.
Mt 16,17; Joh 1,42.
Mk 1,29f parr.
Mk 1,16–20.
Mk 1,17 parr.
¹⁰ Mt 4,18–20; Mk 1,16–18; Lk 5,4–11.
¹¹ Joh 1,35–42.
¹² Mk 3,16; Lk 6,14.
¹³ Joh 1,42.
¹⁴ Mt 16,18.
¹⁵ Mk 8,29 parr.
¹⁶ Mt 16,17–19.
¹⁷ Mk 8,31–33 par.
¹⁸ Mk 9,5f parr.
¹⁹ Joh 13,6–9.
²⁰ Joh 13,25.
²¹ Vgl. Augustinus, Johannes Chrysostomus.
²² Mt 14,28–29.
²³ Joh 18,10.
²⁴ Mt 14,30–31.
²⁵ Lk 22,56–62; Joh 18,15–27.
²⁶ Lk 22,31f.
²⁷ Mt 16,19.
²⁸ Joh 21,15–17.
²⁹ Augustinus, Rede 295.
³⁰ 1 Kor 15,5.
³¹ Apg 2,14–36 u. ö.
³² Apg 12,17; 15,13; 21,18.
³³ Gal 1,18.
³⁴ Gal 2,9.
³⁵ Apg 15; Gal 2,1–10.
³⁶ Apg 9.10.
³⁷ Apg 8,1–3.
³⁸ 1 Kor 9,5.
³⁹ 1 Kor 1,12.
⁴⁰ 1 Petr 5,13. „Babylon“ muß als Chiffre für das aus christlicher Sicht sittenlose Rom gelten.
⁴¹ 1 Clem 5–6.
⁴² Irenäus von Lyon, Gegen die Häresien III,3.2f (ed. Norbert Brox, Fontes Christiani 8.3, Freiburg 1995, 30f).
⁴³ Jacobus de Voragine, Legenda aurea (ed. Richard Benz, Gerlingen 111993, 432–434).
⁴⁴ Joh 21,18f.
⁴⁵ Lothar Wehr, Petrus und Paulus – Kontrahenten und Partner. Die beiden Apostel im Spiegel des Neuen Testaments, der Apostolischen Väter und früher Zeugnisse ihrer Verehrung, Münster 1996, 358, dort auch Hinweise auf weitere Belege für diese Terminologie.
⁴⁶ 2 Kor 11,22; Apg 9,11; 21,39; 22,3.
⁴⁷ Hieronymus, De viris illustribus 5
(PL 23,616A)
⁴⁸ Röm 11,1.
⁴⁹ Phil 3,5.
⁵⁰ 1 Kor 9,14.
⁵¹ 1 Kor 9,24.
⁵² 1 Kor 10,1–10; Gal 4,22–31; Röm 4,18–21.
⁵³ Phil 3,7ff.
⁵⁴ Gal 1,17.
⁵⁵ Apg 9,23; 2 Kor 11,3.
⁵⁶ Gal 1,18.21.
⁵⁷ Gal 1,12.
⁵⁸ Apg 11,25.
⁵⁹ Apg 13,14.
⁶⁰ Apg 15; Gal 1,1–10.
⁶¹ Apg 18,11.
⁶² 1 Kor 15,31f; 2 Kor 1,8f.
⁶³ Röm 15,20.
⁶⁴ Röm 16.7; 1 Kor 9,5; 2 Kor 8,23.
⁶⁵ 1 Thess 2,11; 2 Kor 11,28.
⁶⁶ Röm 15,23f.
⁶⁷ Apg 21,17; 28,31.
⁶⁸ J. Becker, Paulus. Der Apostel der Völker, Tübingen 1989, 506.
⁶⁹ 1 Kor 15,10.
⁷⁰ Gal 1,10.
⁷¹ Vgl. Mt 4,18f.
⁷² Vgl. Ps 45,17.
⁷³ Mt 16,19.
⁷⁴ Apg 12,8.
⁷⁵ frei.
⁷⁶ Apg 12,7.
⁷⁷ Apg 12,7.
⁷⁸ Plotinos Sarkophag n.50 Lateran-Mus, Sarkophag 395 zu Torlonia, Cod.Vat.Lat.3868 (2r).
⁷⁹ 1 Petr 2,5ff; Eph 20,20–22.